Schon als „Freshman“ eine Siegesserie gestartet

Ein Bericht aus der Kreiszeitung Böblinger Bote
Von Michael Schwartz

Lukas Winkelmann von der ersten Männermannschaft der SV Böblingen studiert in den USA Zahnmedizin und perfektioniert nebenher sein Spiel mit der Filzkugel.

„Wenn man in Deutschland Zahnmedizin studiert, hat man keine Zeit mehr für Sport, da man zu viel lernen muss“, weiß Lukas Winkelmann aus Böblingen. Weil er aber das Tennisspielen liebt, hat sich der 20-Jährige dafür entschieden, ein Stipendium in den USA anzunehmen, wo er beides perfekt vereinen kann.

BÖBLINGEN/GREENVILLE. Der Böblinger wollte ursprünglich aufs College in Miami. Die Bewerbung inklusive Video mit Vorhänden, Rückhänden und Aufschlägen war nach dem Abi am ernährungswissenschaftlichen Gymnasium bereits verschickt, und als Lukas Winkelmann seinen Bruder besuchte, der in Florida für ein halbes Auslandsjahr bei einer Gastfamilie weilte, traf er sich auch mit dem dortigen Uni-Coach. Allerdings sagte das College ihm hinsichtlich des angestrebten Stipendiums ab, und ohne wäre das Studium zu teuer geworden. Der Coach wandte sich aber an das College in Greenville, Tennessee, das sich daraufhin bei Lukas Winkelmann meldete und ihm ein Stipendium anbot. „Das war zwar relativ kurzfristig, aber ich habe mich sehr über diese Lösung gefreut“, erinnert sich der Tenniscrack. Im Nachhinein sogar die bessere Alternative, wie der 20-Jährige mittlerweile findet: „Auf unserer Schule kennt jeder jeden und wir sind tatsächlich eine große Familie, wie es das Motto des College besagt. An einem der riesigen Colleges, wie sie in den USA üblich sind, wäre man in der Masse untergegangen und es wäre schwer gewesen, Freunde zu finden.“

In Greenville ist das einfacher. Die Stadt sei kleiner und sowieso ganz anders als Böblingen, findet Lukas Winkelmann. Ein schöner historischer Teil hier, ein Stadtrand, der sich irgendwann verläuft, weil die Häuser so weit auseinander liegen, da, außerhalb schließlich das College, das bereits 1794 gegründet wurde. „Eine ruhige, friedliche Gegend mit offenem Campus ohne große Tore“, beschreibt der Student, „man fühlt sich sicher, wenn man im Dunklen noch 800 Meter zu McDonald’s oder Walmart läuft. Mein Bruder in Memphis sagt immer, so was sei bei ihm viel zu gefährlich.“ Deshalb sei er im Nachhinein sehr glücklich über die erzwungene Planänderung.

Nach Plan verlaufen hingegen die Tage an der Uni in Tennessee. Dank Blockunterricht hat der Deutsche in Amerika vier Kurse im Semester und kann sich voll auf diese konzentrieren, weil sie stark fokussiert sind. Drei Stunden am Vormittag oder Nachmittag sind dafür im Stundenplan festgelegt. Ab 16 Uhr beginnt schließlich das Tennistraining. Was im Winter allerdings nicht ganz so viel Spaß macht. Kondition bolzen steht hier meistens auf der Tagesordnung, da es im Gegensatz zu den Sportstätten für Football und Fußball keine Halle gibt, in die man bei kalten Temperaturen ausweichen kann.

Aber vielleicht ist es ja gerade diese Kondition, die Lukas Winkelmann dabei geholfen hat, bereits als „Freshman“ – so nennt man die Erstsemester über dem großen Teich – ordentlich Eindruck zu hinterlassen. „Ich habe einen richtig guten Lauf“, strahlt die Nummer eins des Colleges. Bisher hat er alle Einzel und Doppel gewonnen und ein paar Turniersiege eingefahren. Das Erstaunliche dabei: Unter den Gegnern war kein Amerikaner „Dafür hab‘ ich hier schon gegen Russen und Spanier gespielt“, schmunzelt Winkelmann, liefert aber gleich eine Begründung: „An den meisten Colleges belegen häufig Ausländer die ersten vier Positionen. In Greenville ist das nicht anders. Im Team des Böblingers befindet sich ein weiterer Deutscher, dazu je ein Holländer, Chilene, Venezolaner und Taiwanese sowie vier US-Schüler.

Tennis in Amerika ist durch den harten Belag schneller und direkter

Diese Mannschaft begibt sich in der Saison, die im Frühjahr beginnt, in der South Atlantic Conference auf Punktejagd. 18 Spiele stehen dann an den Wochenenden an, auf jeden Gegner trifft man nur einmal. Dabei sind achtstündige Fahrten im Bus keine Seltenheit. Sogar zwei Flüge zu Auswärtsspielen sind dabei. Kein Wunder bei Kontrahenten aus Kentucky, North und South Carolina, Georgia und Virginia. „Es sind schon schöne Strecken und Landschaftsbilder, aber eigentlich mag ich lange Reisen gar nicht so gerne“, gibt der Böblinger zu.

Bereits im Mai endet die Spielzeit am US-College, dann ist Sommerpause. Ideal, damit Lukas Winkelmann auch weiterhin für die erste Männermannschaft der SV Böblingen in der Verbandsliga den Schläger schwingen kann. Möglicherweise auf noch höherem Niveau, denn das Tennis in Amerika unterscheidet sich vor allem durch den schnelleren Belag von dem in Deutschland. Hier Sand-, dort Hartplatz. „Es ist ein direkterer, schnellerer Stil, was mir mit meinem relativ offensiven Spiel sehr entgegen kommt“, erläutert der 20-Jährige. Statt das Tennisspielen also ganz aufgeben zu müssen, kann er jetzt sein Studium nutzen, um es zu perfektionieren.