KRZ Sportadventskalender Türchen 21: TABB Trainerin Martina Tvrdon

Von Michael Schwartz

BÖBLINGEN. Es gibt Bräuche, an denen wird nicht gerüttelt. Was an Heiligabend gegessen wird, steht beispielsweise bei den meisten Familien einfach fest. In der Regel ist ein bestimmtes Festmahl Tradition, da kommt nix anderes auf den Tisch. In Tschechien kann man das eigentlich sogar fürs ganze Land behaupten. „Alle essen panierten Karpfen mit Kartoffelsalat“, weiß Martina Tvrdon. „Die Fische werden extra für Weihnachten gezüchtet, kurz davor sind die Teiche in Böhmen quasi leergeangelt.“

Der Kunde entscheidet: Entweder nimmt er das Tier schon pfannenfertig mit – oder lebendig. „Bei uns ist der Karpfen noch einige Tage in der Badewanne geschwommen, und wir haben ihm immer guten Morgen gesagt“, erinnert sich die heute 48-Jährige an ihre Kindheit in Brünn.

Doch nicht nur das, was abends auf dem Teller liegt, ist klar. Auch das, was nicht in die Münder kommt. Fleisch nämlich. Seinen Ursprung hat dieses spezielle Fasten in einem Aberglauben. „Es heißt, wer sich daran hält, sieht irgendwann am Tag ein goldenes Schweinchen. Das soll Glück fürs nächste Jahr bringen.“ Als Kind bildete sich die heutige Tennisspielerin von der TA SV Böblingen natürlich ein, den Talisman tatsächlich entdeckt zu haben.

Umso fröhlicher konnte sie die Bescherung angehen. Die Geschenke kamen allerdings nicht vom Weihnachtsmann, sondern vom Jesuskind, und das jüngste Familienmitglied durfte sie verteilen. Natürlich erst, nachdem gesungen worden war. Im Anschluss an das Prozedere ging es dann in die Nachtmesse. Ein schwieriges Thema in der damaligen Tschechoslowakei, schließlich hatten die Kommunisten Religionsausübung weitestgehend verboten. „Wir waren trotzdem dort“, sagt Tvrdon.

Besonders gern erinnert sie sich auch an die Krippe in ihrem Elternhaus, „ein wunderschönes Erbstück, bestimmt über 100 Jahre alt“. Ganz wichtig: Das Christkind legten Mama und Papa erst an Heiligabend in seine Wiege. Und die Kinder mussten ganz vorsichtig mit dem Bauwerk umgehen, „nicht spielen, nur anschauen“. Wobei eine Sache für Stirnrunzeln bei der kleinen Martina sorgte: „Ich hab‘ nie verstanden, warum da Palmen und Kamele waren. Weihnachten feiert man doch im Winter.“, lacht sie.

Am Fest der Liebe schätzte sie vor allem die Geselligkeit. „Man war nie alleine, besuchte die Familie, das fand ich toll“, nickt sie. „Viele Menschen saßen gemeinsam am Tisch, nachdem sie zuvor spazieren waren.“ Am 25. Dezember servierten die Frauen dann Gans und Knödel, wohlgemerkt nicht mit Rot-, sondern mit Sauerkraut. Die Plätzchen wurden frühstens an den Feiertagen gefuttert, ja sogar erst wenige Tage zuvor gebacken, denn: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es in Tschechien eine Adventszeit gab“, berichtet Martina Tvrdon.

Einen Kranz mit vier Kerzen kennt sie von zu Hause nicht, der Tannenbaum wurde erst an Heiligabend geschmückt. Silbern und golden gefärbte Mistelzweige waren neben selbstgebastelten Sachen aus der Schule weitestgehend der einzige Schmuck.

Das hat sich in Tschechien, wie so vieles hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang, mittlerweile geändert. „Vom ersten Advent an leuchtet in meiner Heimatstadt Brünn alles, der Baum sogar schon ab Mitte November“, erzählt die 48-Jährige. „Es gibt drei Weihnachtsmärkte auf drei verschiedenen Plätzen, man zieht von einem zum nächsten. Inzwischen gibt es außerdem in jeder Kirche eine wunderschöne Krippe.“

Gewisse Traditionen aber blieben bestehen. Wie die, einen Apfel quer aufzuschneiden. „Formt das Kerngehäuse darin einen Stern, bringt das Glück fürs nächste Jahr“, erläutert Martina Tvrdon. Auch sie hat mit ihren drei Söhnen Lukas, Samuel und David („die heißen so, weil ihr Nachname schon schwer genug ist“) einiges übernommen. Der Karpfen darf nicht fehlen, Fleisch kommt am 24. Dezember auch keines in den Bauch. „Und es muss gesungen werden.“ Okay, früher trällerten die Tvrdons etwas mehr, die Söhne spielten dazu Mundharmonika. „Heute versuchen wir uns mal an einem Lied, dann ist gut. Wir sind jetzt nicht die besten Sänger“, grinst die dreifache Mutter. „Danach läuft dann eine Weihnachts-Playlist von Spotify.“

1995, 2000 und 2004 selbst Mama zu werden, habe das Fest auch noch einmal verändert. „Das war etwas ganz Neues. Kinder machen Weihnachten aus, wenn sie ganz aufgeregt sind und Vorfreude ausstrahlen. Inzwischen sind die drei Söhne groß, da ähnelt es dann eher einem Familientreffen.“ Die Filiusse spielen übrigens auch alle Tennis, die Sportart, zu der Martina Tvrdon „mit sechs oder so“ durch ihren älteren Bruder kam. Ihr Elternhaus stand nur 200 Meter von einem Vereinsgelände entfernt, der Onkel war Platzwart in Prag „und hat damit viel mehr Ausrüstung besorgen können als die Leute bei uns“.

Nach Deutschland kam Martina Tvrdon 1993. Zunächst lediglich, um für die TA VfL Sindelfingen in der Oberliga zu spielen. Nach den Partien ging es zurück in die Heimat. Nach ihrer Ausbildung blieb sie schließlich hier, lebt seit 20 Jahren in Maichingen und schlägt seit zehn für die TABB im Zimmerschlag auf.

Tennis half ihr auch durch die schwere Anfangszeit in der Bundesrepublik. „Es ist für mich wie eine weitere Sprache und öffnet Türen“, beschreibt die Physiotherapeutin und präzisiert dann: „Als ich nach Deutschland kam, wurde ich dank des Sports nicht als die aus dem Osten gesehen, sondern als die, die etwas kann. Das hat meine Integration beschleunigt.“

Als eigene Stärken bezeichnet sie ihren „Kampfgeist, Auftritte im Doppel, eine gute Vor- und eine schöne einhändige Rückhand“. Das alles gibt sie nun auch als Trainerin für Kids und Jugendliche in Böblingen weiter. Die lernen damit von jemandem, der in seiner Karriere einige Erfolge vorweisen kann. Sieben Mal war Martina Tvrdon mit den Damen 30 des Klubs bei einer deutschen Meisterschaft dabei, holte je dreimal den Titel und Rang zwei sowie einmal den dritten Platz. Wer weiß: Vielleicht war es ja das goldene Schweinchen von Heiligabend aus ihrer Kindheit, das ihr auch Jahre später noch so viel Glück beschert hat.