KRZ Sportadventskalender Türchen 24: TABB Herren 40-2 Spieler Antti Auvinen

Von Michael Stierle

Der Finne kam 1989 nach Deutschland, wollte gar nicht lange bleiben, spielt aber jetzt schon seit 14 Jahren Tennis bei der TA SV Böblingen. Der Weihnachtsmann wohnt in der Heimat 800 Kilometer entfernt.

BÖBLINGEN. Typisch Finnland, möchte man sagen. Der regelmäßige Saunagang, im hohen Norden Kultur und Kult gleichermaßen. Das Land der tausend Seen. Die Verbundenheit zu Wald und Natur. Die Rentiere. Der Hang zu Melancholie. Und natürlich: Weihnachten. „Unser wichtigstes Fest“, sagt Antti Auvinen, der bei den Herren 40/2 der Böblinger Tennisabteilung spielt. „Eine richtig internationale Truppe“, so der 47-Jährige. Frankreich, Ungarn, halb Österreich und halb Italien, Finnland. „Das passt.“

1989 kam er nach Deutschland, studierte in Coburg Maschinenbau und Produktentwicklung. Heute ist er Ingenieurdienstleister mit einem aktuellen Projekt bei Porsche. „Ich wollte höchstens fünf Jahre bleiben“, blickt er zurück. 22 sind es inzwischen geworden. „Na ja, es kam anders.“ Freundin, Wohnung, Heirat, ein acht Jahre alter Sohn. Die Zeit vergeht. „Das war ganz witzig“, kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Seine spätere Frau und er waren Arbeitskollegen. Weitere Gemeinsamkeit: Beide wohnten in den Böblinger Reiterhof-Terrassen. „Ich im ersten Stock, sie im siebten. Wir sind uns nie begegnet, haben das eher zufällig gemerkt.“ Inzwischen haben beide eine gemeinsame Wohnung – im sechsten Stock.

Wie war das denn früher mit Weihnachten in der Heimat? „Das ist schon eine ganze Weile her.“ Also schnell zu Hause angerufen bei den Eltern. In Naantali, 20 Autominuten entfernt in der Nähe von Turku, der ältesten Stadt Finnlands. Dort, wie in allen anderen Städten, wird am 24. Dezember der so genannte „Weihnachtsfrieden“ ausgerufen.

Glögi, Pipparkakku und der üppige Joulukinkku

„Die Leute haben sich immer mittags um Zwölf in der Altstadt versammelt, bei der Treppe zur alten Bibliothek“, erzählt Antti Auvinen. Sein Vater war selbst Bürgermeister, hat von dort immer die gleichen für die drei folgenden Tage gültigen Worte gesprochen. Sinngemäß werden dabei alle Finnen aufgefordert, das Fest mit der angemessenen Frömmigkeit zu begehen, sich ruhig zu verhalten. „Wer früher dagegen verstoßen hatte, wurde doppelt so hart gestraft wie sonst üblich.“ Ein Gesetz, das heute natürlich nicht mehr gilt.

Tradition hat auch hinterher das Singen der Nationalhymne, ehe es gemütlicher wird. „Viele Einladungen werden ausgesprochen zum ,Glögi‘-Trinken.“ Die finnische Variante von Glühwein, ein bisschen wie Vorheizen also. Dazu gibt’s Plätzchen. Pipparkakku, leckerer Pfefferkuchen. „Die mache ich heute noch“, hat er welche mitgebracht. Um 16 Uhr ist Kinderkirche. „Der Gottesdienst ist immer rappelvoll.“ In normalen Zeiten jedenfalls, wegen Corona muss sicher der eine oder andere Platz frei bleiben. „Davor gingen wir immer auf den Friedhof und haben auf den Gräbern eine Kerze angezündet.“ Als Erinnerung an die Verstorbenen. Wer die Kinderkirche lieber ausfallen lässt, geht dafür noch schnell in die Sauna. Ein gutes Körpergefühl, frische Sachen zum Anziehen – auch das gehört zu „Joulu“ dazu, wie Weihnachten auf finnisch heißt.

„Daheim wird dann gegessen“, so Auvinen. Üppig und gut. Dafür sorgt der meist über zehn Kilogramm schwere, ein, zwei Tage in Salzwasser eingelegte, über zwölf Stunden lang im Ofen gebratene, mit Senf, Semmelbröseln und Nelken gewürzte Joulukinkku. Der Weihnachtsschinken, ein echtes Festmahl. „Als Beilage Aufläufe.“ Karotten, süßliche Kartoffeln, Steckrüben, in Würfel geschnittene Rote Beete, Gurken und Apfelstückchen. Und als Soße Schlagsahne mit der Farbe von Roter Beete. Wem das nicht reicht: dünne Scheiben von Lachs, eingelegte Heringe, Pellkartoffeln oder eine ganze Rinderzunge. Und als Nachtisch Pflaumenkompott. „Wir haben uns da förmlich durchgearbeitet“, sagt Antti Auvinen mit einem Lächeln, „meine Mama hatte immer sehr viel zu tun.“ Dazu Bier und Wein, natürlich für die Erwachsenen. „Wobei manche Finnen mit dem Alkohol nicht richtig umgehen können“, so der 47-Jährige über seine Landsleute. Soll heißen, da wird auch ganz gerne ein Gläschen zu viel getrunken. „Bei uns daheim aber nicht“, beeilt er sich schnell hinterherzuschieben. Sie waren ja auch immer nur zu viert. Seine Eltern, er und sein älterer Bruder. „Oma und Opa haben wir an den Tagen danach besucht.“

Geschenke gibt’s hinterher. „Da kommt tatsächlich der Weihnachtsmann.“ Wer auch sonst, wohnt der Joulupukki doch in Rovaniemi, Hauptstadt im nordfinnischen Lappland. „Fast am Polarkreis. Und längst eine Touristenattraktion“, so Auvinen heute. Der Mann mit wehendem, rotem Mantel und weißem Rauschebart ist dort das ganze Jahr über beschäftigt. „Er bekommt säckeweise Post aus der ganzen Welt, viele Kinder schicken ihm Briefe und Postkarten.“ Kein ganz einfacher Bürojob. Selbst gesehen hat er ihn allerdings noch nicht, den echten Joulupukki wohlgemerkt. „Wie auch, Naantali liegt an der Küste im Süden, über 800 Kilometer weit weg.“ Daheim haben das deshalb immer die Pfadfinder übernommen. „Wir Kinder haben uns darauf gefreut und auch daran geglaubt.“

Die ersten Trainerstunden bei Ex-Profi Martin Sinner genommen

Viele andere Bräuche haben auch heute noch Bestand, unterscheiden sich nur unwesentlich von den deutschen. Die selbst geschlagene Tanne, Wald ist schließlich reichlich vorhanden, behängt mit Äpfeln, Kerzen und Plätzchen, der Stern an der Baumspitze als absolutes Muss. Ein geschmückter Kranz an der Haustür, Kerzen an den Fenstern („weil es daheim auch eher dunkel ist“), der ganz filigran aus Stroh gebastelte Schmuck, das „Himmeli“. So ähnlich wird Weihnachten heute auch in den Böblinger Reiterhof-Terrassen gefeiert. Nur zwei Dinge sind grundlegend anders: „Am Nikolaustag gibt’s keine Geschenke.“ Der 6. Dezember ist dafür seit 1917 der Unabhängigkeitstag Finnlands, als sich das damalige Großfürstentum vom russischen Reich löste. Außerdem machen die Finnen nur drei Tage frei, gehen am 27. Dezember schon wieder zur Arbeit. „Bis Silvester, dem nächsten großen Fest.“ Hierzulande machen viele Urlaub um den Jahreswechsel – diesmal fast auch zwangsweise wegen Corona. Ohne wegzufahren. Deshalb fällt Weihnachten auch ein bisschen kleiner aus, der Virus schränkt die Familienzusammenführung ein. „Vergangenes Jahr haben uns noch meine Eltern besucht“, sagt Antti Auvinen mit etwas Wehmut in der Stimme. „Aber auch nur ein paar Tage, dann wollten sie wieder nach Hause. Rentner haben einfach wenig Zeit.“ Dafür war sein Bruder fast ein Jahr lang da. „Er hat mitgeholfen beim Umzug und der Renovierung unserer neuen Wohnung im sechsten Stock.“ Auch bei der TABB machte er einen Sommer lang mit. Bei Antti Auvinen sind es inzwischen sogar schon 14 Jahre. Als sechsjähriger Steppke fing er daheim in Naantali an, 2006 machte er im Böblinger Zim-merschlag die Bekanntschaft von Trainer Martin Sinner, war sogleich angetan vom Ex-Profi und spielt seither mit der Mannschaft in der Sommerrunde.

Inzwischen ist auch sein Filius eingestiegen, nimmt Trainerstunden. Besser gesagt nahm: Der Lockdown hat dafür gesorgt, dass auch die beiden Tennishallen bis mindestens 10. Januar dicht sind. Trotzdem hauskaa Joulua! Fröhliche Weihnachten!