KRZ-Serie Geschwister im Sport (Teil 21): Lukas, Jonas und Paul Winkelmann sind dem schnellen Spiel mit der gelben Filzkugel verfallen

Erschienen in der Kreiszeitung Böblinger Bote am 30.07.2015. VON MICHAEL SCHWARTZ. img_11604892L_13_die-tabb-ist-ihr-heimatverein-lukas-re-und-jonas-winkelmann
Die TABB ist ihr Heimatverein: Lukas (re.) und Jonas Winkelmann (Mitte) sind als ungeschlagenes Doppel auch am US-College gefürchtet, Paul (li.) bleibt lieber in Deutschland KRZ-Foto: Michael Schwartz

Lukas (23), Jonas (21) und Paul (18) Winkelmann aus Böblingen haben zu vielem eine sehr ähnliche Einstellung. Alle strahlen sie zudem eine gewisse Lockerheit aus. Jeder für sich ist beim Tennis ein echtes Ass. Und sie schlagen nicht nur mit dem Racket zu, sondern verteilen ab und zu auch ganz gerne einen verbalen Seitenhieb.

BÖBLINGEN. Zum Beispiel bei der Erinnerung an früher. „Da war unser Verhältnis ein bisschen problematischer“, denkt Lukas und blickt grinsend zu Paul rüber. „Wenn man halt schon 14 ist und der Kleinste erst neun, dann ist der schon eher die Nervensäge.“ Der Angesprochene hat eine andere Sicht auf die Vergangenheit. „Was heißt hier Nervensäge?!“, kontert er verschmitzt. „Da wurde ich 24 Stunden am Tag geärgert – und das mit einem unheimlichen Spaß an der Sache.“ Aber der Jüngste zu sein hatte wohl auch seine Vorteile: „Die Eltern sind dann nicht mehr so streng, sondern viel entspannter.“ Das ist auch das richtige Stichwort für Jonas, denn genau so sieht er seine Beziehung zu Lukas und Paul: „Ich kam mit beiden Richtungen gut zurecht“, berichtet er. Dann schmunzelt er vielsagend und ergänzt: „Vielleicht auch deshalb, weil ich so ein bisschen der Ausreißer und viel weg war.“

Richtig interessant, so erzählen die Tennis-Cracks, werde es dann, wenn auch die beiden älteren Halbbrüder zur Truppe dazustoßen. Florian spielt Schlagzeug, Moritz ist Pianist. „Mit mir hat dann die sportliche Linie angefangen“, erzählt Lukas, der ebenfalls schon „ewig lang“ am Flügel in die Tasten haut. „Und mit mir hat dann die musikalische Linie aufgehört“, fügt Jonas hinzu. „Ich war lieber auf dem Kickplatz, statt mir selbst zuzuhören, wie schlecht ich Klavier und Saxofon spiele.“ Auch Paul betätigte sich lieber körperlich. „Bei mir war Klavier ein Rohrkrepierer.“

Tennis – das beherrschen die drei Winkelmanns dafür aus dem Effeff. Der Reiz liegt für sie auch darin, dass das schnelle Spiel mit der gelben Filzkugel eine Individualsportart ist. „Hier bin ich selbst für meine Leistung verantwortlich“, fasst Paul seine Gedanken in Worte. „Und es ist nicht so, dass man selbst einen guten Tag haben kann und trotzdem verliert, weil die Mitspieler ein Totalausfall sind.“ So empfindet das auch Jonas. „Du hast immer eine Eins-gegen-eins-Situation. Wie bei einem Duell.“ Außerdem wird deutlich, wie sehr sie die mentale Ebene beim Tennis fasziniert. „In einem engen Match geht es immer darum: Wer will gewinnen, und wer hat Angst zu verlieren?“, denkt Jonas an die vielen Psychospielchen, die man mit dem Gegner treiben kann, um diesen zu Fehlern zu zwingen. „Einen gewissen Extra-Biss zu entwickeln, einfach nicht nachlassen zu wollen, hilft einem auch fürs Privatleben weiter.“ Unter anderem für Prüfungen, denn die seien laut Lukas seiner Lieblingssportart sehr ähnlich: „Wenn du deine Hausaufgaben erledigt hast, dann musst du dir auch keine Sorgen machen.“

Im Gespräch merkt man, dass die drei Brüder regelmäßig gemeinsam über Tennis philosophieren. Ihre Grundhaltung zu dem, was man mit Racket und Filzball anstellen kann, unterscheidet sich nur marginal voneinander. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass sie häufig von den gleichen Coaches trainiert wurden. So ist sich das Trio auch einig, die Sportart niemals professionell betreiben zu wollen. Denn schon jetzt stellen sie teilweise eine Übersättigung bei sich fest. „Früher hat man ein Match beim Zuschauen einfach nur genossen“, veranschaulicht Paul. „Heute analysiert man es fast unbewusst.“ Die Winkelmanns sind generell so viel mit Tennis beschäftigt, dass sie sich nur selten gegenseitig zuschauen. Jonas beispielsweise arbeitet auch als Trainer und ist abends ganz froh, den Schläger einfach in die Ecke zu stellen. „Wenn ich ins Bett geh‘ und die Augen zumache, sehe ich manchmal nur noch roten Sand und gelbe Bälle“, fällt es bei soviel Beschäftigung mit der Thematik schwer, einfach abzuschalten. „Man muss aufpassen, dass man nicht den Spaß daran verliert“, warnt Lukas und stellt klar, dass es sich immer noch um ein Hobby handelt.

Sein Ruf eilte dem Brüder-Doppelin der US-College-Liga voraus

Dennoch ist der 23-Jährige in den USA so etwas wie ein Sports Hero. Genauer gesagt am Tusculum College in Tennessee, wo er in den vergangenen vier Jahren Zahnmedizin studiert hat. In dieser Zeit hat er sich den Ruf erarbeitet, der beste Spieler aller Zeiten in der dortigen Universitätsliga zu sein. Zwei Jahre lang ungeschlagen, viele Titel mit dem Team, unzählige Auszeichnungen – das kann sich sehen lassen. Im August schlägt Lukas aber ein anderes Kapitel auf. Eines, bei dem Lernen noch mehr im Fokus steht. In Philadelphia, an einer der renommiertesten US-Schulen weltweit, was Dentalmedizin betrifft.

Am Tusculum College wird man ihn sicherlich vermissen. Auch sein Bruder, denn Jonas studiert seit 2012 ebenfalls dort. Business Administration mit Schwerpunkt Management sowie International Business. Und er ist natürlich ebenfalls ein wichtiger Teil der Tennis-Mannschaft. Mit seinem Bruder bildete der 21-Jährige sogar ein Doppel. Gemeinsam waren sie unbesiegt. Irgendwann eilte ihnen dieser Ruf voraus. „Wir haben teilweise gegen deutlich bessere Doppel gespielt“, räumt er ein, „aber die haben sich schon vorher in die Hose gemacht und verloren.“ Da ist sie wieder, diese psychologische Komponente. Die auch im Zusammenspiel des Winkelmann-Duos eine wichtige Rolle einnahm. „Wenn wir nicht so gespielt haben, wie wir uns das vorstellen, haben wir uns nebenher bekriegt“, lacht der jüngere der beiden. Und der ältere ergänzt die Gründe: „Ich geh‘ halt von Anfang an voll rein ins Match, er braucht eine Zeitlang, um in Fahrt zu kommen.“ Wenn dann aber beide mal auf Betriebstemperatur gekommen sind, war für die Gegner selten Land in Sicht.

Wenn Lukas jetzt weg ist, setzt Paul dann zusammen mit Jonas die Winkelmann-Dynastie am Tusculum College fort? Der 18-Jährige schüttelt den Kopf. Momentan macht er eine Ausbildung zum MTA. Will danach Medizin studieren. In Deutschland. „Weil es hier schneller geht“, lautet seine pragmatische Begründung. Die potentiellen Gegner in der College-Tennis-Liga werden nicht unglücklich sein.