Erwachsenwerden im Filzball-Schlaraffenland

Am 13.6. erschienen in der KRZ, von KRZ-Redakteur Michael Schwartz

Tim und Luka

Tim Stierle und Luka Eble von der TA SV Böblingen studieren mit Stipendium an Colleges in den USA und investieren viel Zeit in ihren Sport
„Was dort geboten wird, ist dem Profi-Tennis sehr nahe“, sagen Tim Stierle und Luka Eble unisono. Die beiden Spieler aus dem Herren-Team der TA SV Böblingen studieren seit einiger Zeit an Colleges in den USA und fühlen sich bestens integriert. Über die Sommermonate sind sie zurück in der schwäbischen Heimat.
„Ein Schritt in die Selbstständigkeit, Erwachsenwerden, auch mal von zu Hause weg sein.“ Die Gründe für Tim Stierle, sich an einer Uni in Amerika einzuschreiben waren vielfältig. „Umherreisen, das Land und die Kultur sehen“, schiebt Luka Eble hinterher. Beide sind sich einig, dass das Erlernen der Sprache auch ein wichtiger Faktor ist. „Denn heutzutage muss man Englisch für die Arbeitswelt perfekt beherrschen“, weiß der 23-jährige Stierle.
Vor allem ausschlaggebend war aber ihre Sportart: Tennis. „Auf diesem Level weiterzumachen trotz Studium – das hätte in Deutschland nicht funktioniert.“ Sechsmal die Woche wird trainiert, maximal sollten es zwei bis zweieinhalb Stunden sein. Das ist durch strenge Auflagen strikt reglementiert.
„Aber die Coaches rechnen halt manchmal das Aufwärmen nicht mit, und so steht man auch mal vier Stunden auf dem Platz“, zuckt der 19-jährige Eble mit den Schultern. „Dazu kommen bei mir wöchentlich je zweimal Kraft- und Konditionsübungen plus Yoga dazu“, zählt Tim Stierle auf. „Ein Physioteam ist eigentlich rund um die Uhr dabei. Auch zur Prävention.“

Universitätslehrplan unterscheidet sich sehr stark von Deutschland
„Bei einer Verletzung wird man sofort von einem Arzt untersucht“, pflichtet Eble ihm bei, dass die Bedingungen einfach top sind, bevor er noch die regelmäßigen professionellen Video-Analysen erwähnt. Auf Auswärtsfahrten werden zudem Verpflegung und Hotel gestellt. Ein kleines Schlaraffenland, wenn man dem schwärmenden Altdorfer zuhört. „Ich genieße es, das ist wie Freizeit für mich. Der Teamgeist ist groß, ich sehe meine Kumpels auf dem Court“, antwortet er auf die Frage, ob das nicht alles vielleicht doch zu zeitintensiv ist. Denn die beiden jungen Männer aus dem Kreis Böblingen beschäftigen sich über dem großen Teich ja nicht nur mit gelben Filzbällen. Eble studiert Business & Marketing in Spartanburg an der University of South Carolina, Stierle beschäftigt sich an der Saint Joseph’s in Philadelphia mit Business Intelligence and Analytics. Stark vereinfacht könnte man bei beiden von BWL-Studenten sprechen. Wobei der College-Lehrplan in den USA sich doch stark von den Unis in Deutschland unterscheidet. „Es werden viele allgemeine Fächer unterrichtet – Geschichte, Religion, Philosophie, eine Wissenschaft und Mathe“, erläutern sie. „Dazu kommt eben eine bestimmte Vertiefung.“ Und das alles lässt sich mit dem Tennis vereinbaren? Kurse zu verpassen ist jedenfalls kein Problem, wie die zwei Sportler versichern. Die Liste mit den Spielterminen wird den Professoren vorgelegt, diese unterschreiben, und man gilt als entschuldigt. Vorlesungen und Seminare wählen sie so aus, dass sie sich mit dem Training nicht überschneiden. „Zeit-Management wird einem dort extrem eingeflößt“, betont Tim Stierle. „Ich versuche zum Beispiel, den Unterricht gleich vormittags wegzukriegen.“ Die Uni auf die leichte Schulter zu nehmen, geht allerdings nicht. „Ich muss den Notenschnitt halten, um weiter im Team sein zu dürfen“, schildert der 23-Jährige. Zudem geht es auch um die Höhe des Stipendiums. „Sonst würden viele nur wegen dem Tennis kommen und sich schulisch nicht anstrengen.“ Wie kriegt man das aber unter einen Hut? Die Antwort: durch Tutoren. Diese helfen, das möglicherweise Verpasste nachzuholen. „Ich gehe dafür jeden Abend in die Study Hall“, sagt Luka Eble. Diese Disziplin muss man nach einem langen Tag für Hirn und Muskeln erstmal aufbringen.

Im Senior Year als Leader für die Jüngeren vorangehen
Tim Stierle macht das nun schon dreieinhalb Jahre, ist inzwischen Captain seines Teams und hilft den Jüngeren, so Fuß zu fassen, wie er das geschafft hat. „Im Senior Year musst du ein Leader sein. Ich denke mir immer: Jetzt ermögliche ich euch, die hammer Zeit, die ich selbst auch dank anderen erlebt habe.“ Bis dahin war es ein steiniger Weg. Stichwort: Freshman-Duties – Neulingspflichten. Wasser schleppen, Bälle holen, an den Verbandskasten denken. Und wenn ein Älterer im Bus genau da sitzen möchte, wo man sich selbst hingepflanzt hat, steht man eben auf und sucht sich
einen neuen Platz. Dazu kommen die Einführungsrituale. Nix Schlimmes, Karaoke zum Beispiel. „Als jemand Neues ist einem das peinlich, es lockert die Sache aber auch auf“, schmunzelt Luka Eble. Irgendwie muss man sich die teils vier bis sieben Stunden dauernden Auswärtstouren ja versüßen. „Die Fahrten sind mit das Lustigste“, findet der 19-jährige Altdorfer. Im Gegensatz zu seinem Kompagnon aus der TABB, der 2012 erst noch eine Ausbildung
begonnen hatte, ist Luka Eble direkt nach dem Abi 2017 übergesiedelt. Nicht nur Tim Stierle, sondern auch die Winkelmann-Brüder Lukas und Jonas machten ihm den Mund in Sachen College wässrig, schließlich hatten sie dort schon ausgiebige positive Erfahrungen gesammelt. Also drehte er ein
zwölfminütiges Video von sich in Action, büffelte Englisch, skypte mit diversen Coaches und schaute sich dann die Angebote an.

Auf die Klassiker Autobahn, Bier und Oktoberfest oft angesprochen
Die bewegten Bewerbungsaufnahmen konnte sich Stierle Anfang 2015 sparen, da ihn die Winkelmänner ihrem Trainer in Tennessee empfahlen. „Der hat ihnen blind vertraut, weil sie dort einen tollen Ruf haben“, nickt Stierle, der erst nach anderthalb Jahren in den USA Richtung Philadelphia
wechselte. „Deutsche sind in Amerika sowieso sehr beliebt“, hat auch Eble bemerkt. „Ich fühle mich total willkommen.“ Stierle stimmt zu: „Nationalitäten spielen eigentlich keine große Rolle. Die Amis feiern Europa.“ Auf was sie am häufigsten angesprochen werden? Die Klassiker, natürlich: Autobahn, Oktoberfest, Bier.

Standard für angehende Studenten in den United States ist der sogenannte S.A.T.-Test.
Vor allem dessen Englisch-Teil mit grammatikalischen Übungen und solchen, die das Verstehen betreffen, sei schon ziemlich schwer. Auch für Muttersprachler. „Teilweise habe ich aus der Multiple-Choice-Auswahl trotz Vorbereitungskurs keines der Wörter gekannt“, zuckt Luka Eble mit den Schultern. Und Tim Stierle ergänzt: „Ich muss ehrlich sein: Teilweise habe ich da schon ordentlich geraten.“ Heute, da sind sich die beiden sicher, würden sie noch besser abschneiden. Schließlich leben sie schon eine Weile in den Vereinigten Staaten. Über Weihnachten und Silvester sind sie
regelmäßig für einen Monat im Ländle, im Sommer sind es sogar drei. „Die deutsche Küche im Hotel Mama genießen“, grinst Tim
Stierle. „Zeit mit der Familie verbringen.“ Klar habe man auch ab und zu Heimweh, so Eble, aber auch drüben baut man sich ein Leben auf. „Ich freue mich in beide Richtungen, wenn ich wieder hin kann.“ Nun sind sie aber erstmal ein Weilchen wieder in Altdorf und Böblingen. „Tennis ist bei uns hier viel ruhiger“, schildert Eble. „Dort wird mehr angefeuert, der Gegner pusht sich ständig.“ Das bestätigt auch Stierle: „In Amerika gehört Show mit dazu. Mehr Emotionen.“ Gegeneinander spielen die beiden übrigens nicht. Ihre Unis liegen zu weit auseinander. Dafür spielen sie in der Sommersaison gemeinsam für ein Team, die TABB. Und einen großen Vorteil hat die Zeit in Deutschland auch, wie Stierle findet: „Man kann den Tennisschläger auch einfach mal in die Ecke legen.“