Aus der KRZ-Böblinger Bote: Neuer Tennis-Trainer in Böblingen kommt aus Sizilien

Angelo Guagliardo

Der 25-jährige Trainer Angelo Guagliardo kommt aus Palermo – TA SV Böblingen erhält unter 30 Vereinen den Vorzug.

Das Trainerteam der TA SV Böblingen hat Verstärkung bekommen. Seit Ende der Sommerferien schlägt Angelo Guagliardo im Zimmerschlag auf. Der 25-Jährige kommt aus der Nähe von Palermo, ist zum ersten Mal weit weg von „Hotel Mama“ und freut sich auf viele spannende Erfahrungen.

Artikel vom 25. Oktober 2019 – 16:36

Von Michael Stierle

KREIS BÖBLINGEN. An der Tür des neu eingerichteten Trainerbüros im Untergeschoss der Anlage hängt bereits sein Täfelchen: Neben seinem Namen („der ist auch für Italiener schwierig auszusprechen“) steht „Istruttore 2° Grad“. „Vergleichbar mit der B-Lizenz hier in Deutschland“, klärt er auf.

Dafür, dass er zum ersten Mal seiner sizilianischen Heimat den Rücken kehrte, ist sein Deutsch erstaunlich gut, Aber auch kein Wunder: „Meine Mutter ist Deutsche, ich bin zweisprachig aufgewachsen.“ Und Verwandtschaft hat er hier in der Nähe auch: eine Tante in Stuttgart, die Großeltern wohnen in Frankfurt, der Bruder studiert in Heilbronn. „Deshalb war auch schnell klar, dass nur Deutschland in Frage kommt, wenn es mich eines Tages ins Ausland ziehen sollte.“

Tennis spielt er seit klein auf. Und das gar nicht schlecht, kam er doch auf Turnieren in ganz Italien herum. Mit 14 stand er vor der Wahl, ob er sich ganz auf den Sport konzentrieren soll, sogar mit der Aussicht auf eine Profilaufbahn. Was aber auch den Verzicht auf alles andere bedeutet hätte. „Ich habe mich dann doch nicht dafür entschieden“, blickt er zurück. Nicht nur das, er stellte drei Jahre lang den Schläger in die Ecke. „Mein Vater hat unsere Anlage weitervermietet, hat auch als Trainer aufgehört. Und ich wollte nicht bei einem anderen Trainer weitermachen“, gab er damals dem Dolce Vita den Vorzug.

Erst gegen seinen Sport und dann wieder dafür entschieden

Drei Jahre später Kommando zurück: Sein Vater stand wieder auf dem Platz der von der Stadt für 20 Jahre gemieteten Anlage („derzeit sind wir dabei, eine neue zu bauen, auch mit Schwimmbad“), der Filius ebenfalls und gab selbst die ersten Trainerstunden. „Das wurde jedes Jahr mehr, auch Erwachsene kamen dazu.“ Nach dem Abitur war er ausgebucht. Und musste sich erneut die Frage stellen: Weiter Tennis oder doch lieber Hörsaal? Jetzt blieb er seinem Sport treu, spielte im Sommer in der zweiten und im Winter sogar in der ersten Liga, verdiente sich ein bisschen Geld dazu. Und musste sich im April 2019 wieder entscheiden: „Ich wollte was Neues machen, dazulernen, mich auch persönlich weiterentwickeln. Auslandserfahrung würde mir was bringen.“ Noch ein Grund: „Ich stand zwar neben meinem Vater als Trainer auf der Anlage, traf auch eigene Entscheidungen, aber das letzte Wort hatte halt doch immer er.“

Also ab nach Deutschland. Angebote, als Tennistrainer zu arbeiten, gab es genügend. Bei 30 Vereinen bewarb er sich, 90 Prozent der Rückmeldungen waren in Ordnung, sechs kamen in die engere Wahl. Darunter ein Klub am Starnberger See, Trier, Dortmund, Wiesbaden und eine bekannte Akademie in Offenbach, die ihn auch gereizt hätte, die aber in seine dreiwöchige Vorstellungstour irgendwie nicht passte. „Im Juli wäre es erst wieder möglich gewesen, da wollte ich aber schon Klarheit haben.“ Von seinem Besuch bei der TA SV Böblingen, die ebenfalls auf dem Portal des Deutschen Tennisbundes auf der Suche war, zeigten sich beide Seiten angetan. „Super Anlage“, schaut er sich im Zimmerschlag um, „der einzige Verein, der von mir kein Probetraining verlangte, dazu ein zweistündiges Gespräch mit Geschäftsführer Jan Eble und Cheftrainer Peter Zuleck, bei dem wir schnell gemerkt haben, dass wir alle auf einer Wellenlänge liegen.“

Er fuhr zurück nach Sizilien, überlegte ein paar Tage und sagte der TABB zu. Eine Entscheidung, die er noch nicht bereute. „Ich bin hier mit offenen Armen empfangen worden.“ Und ganz wichtig: „Auch bei der Wohnungssuche hat mir der Verein geholfen“, sind ihm die Probleme, hier ein Dach über dem Kopf zu finden, nicht verborgen geblieben. Jetzt wohnt er nur 400 Meter von der Anlage weg. „Das passt.“

Mannschaftstraining, Gruppen- und Einzelstunden gehören zu seinem Programm. Gut möglich, dass er in der Sommerrunde auch selbst einem Team angehört. „Leistungsklasse zwei, also Herren I oder II“, kann er sich selbst gut einschätzen. Eigene Ideen will er ebenfalls einbringen. „Zum Beispiel das Teamtraining noch familiärer gestalten, hinterher vielleicht auch etwas gemeinsam unternehmen.“ Auch über die unterschiedlichen Inhalte hat er sich Gedanken gemacht: „Bei uns in Italien gehören auch immer Kondition und Koordinationsübungen dazu, in Deutschland gilt das nur für die Topspieler.“ Schnupperangebote für neue Mitglieder will er mit anbieten, beim Herbstcamp der TABB nächste Woche ist er ebenfalls dabei. „Ich bin gespannt, was noch alles auf mich zukommt“, zeigt er sich lern- und wissbegierig.

Eingelebt hat er sich bereits. Das Großstadtflair von Palermo mit seinen 700 000 Einwohnern vermisst er überhaupt nicht, „wir haben sowieso rund 15 Kilometer außerhalb gewohnt“. Breuninger und Mercaden kennt er ebenfalls, ein Fitnessstudio hat er für sich auch schon gefunden. Vieles andere kann man lernen. So wie das Bedienen einer Waschmaschine und das Bügeln der Hemden. „Ich habe ja noch daheim bei den Eltern gewohnt“, sagt er fast schon entschuldigend. Und mit einem Schmunzeln: „Es hat schon ganz gut geklappt, braucht aber noch ein bisschen Zeit, bis alles perfekt ist.“

Das Einzige, was seinen Zukunftsplänen einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist das deutsche Arbeitsrecht. Angestellt ist erst mal für sechs Monate, Probezeit gilt auch für Tennistrainer.